Pilgern – der Weg zu sich selbst

Pilgern – der Weg zu sich selbst

Pilgern - der Weg zu sich selbst
Pilgern – der Weg zu sich selbst

In der ersten Juliwoche war es soweit: ich bin den Via Sacra Pilgerweg von Graz (Mariatrost) bis zur Basilika von Mariazell gegangen. Als gebürtige Grazerin, aber seit dem vierten Lebensjahr in Wien aufgewachsen, war es ein Herzenswunsch von mir, meine Heimat richtig kennen zu lernen. Vier Tage voller neuer Eindrücke, wunderschöner Natur, interessanter Menschen und vieler Blasen an den Füßen. Zu pilgern bedeutet, sich auf einen Weg zu begeben (am Ende ist meist ein heiliger Ort), um sich selbst zu finden. Und genauso ist es auch.

Vorbereitung für Pilgern

Ich bin alleine gegangen, weil mir meine Wanderpartnerin berufsbedingt leider absagen musste. Da ich wusste, dass ich diesen Weg einfach gehen muss, habe ich mich dann dafür entschieden, alleine mein Glück zu versuchen. Und es war im Nachhinein betrachtet die richtige Entscheidung! Alleine zu gehen bedeutet, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, für fremde Menschen viel offener zu sein und die Chance zu bekommen den ewigen Gedankenkreislauf zu durchbrechen. Aber dazu später mehr!

Die Vorbereitung aufs Pilgern ist eher praktischer Natur: man setzt sich mit dem Weg auseinander, besorgt Kartenmaterial, untersucht seine Ausrüstung und durchdenkt seine Packliste. Viele Pilger lassen sich das Gepäck von Unterkunft zu Unterkunft bringen, um nicht so viel mittragen zu müssen – ich aber wollte ungebunden sein und absolut minimalistisch unterwegs sein. Ich habe mich eigentlich nur auf mein Gewand (ein Wandergewand, das notfalls gewaschen werden kann, und Kleidung für die Unterkunft), Erste-Hilfe-Tasche, kleines Kosmetiktascherl, Notfall-Powerriegel, Wanderbuch und ein paar kleine nützliche Dinge wie Handyladekabel oder Schweizer Taschenmesser beschränkt. Mein Rucksack hatte dann sechs Kilo, und diese waren sehr leicht zu tragen!

Tag 1 – der Tag der Irrungen und Wirrungen

Am Sonntag ging es von der Kirche Mariatrost in Graz los. Der Abschied von meinen Liebsten ist mir dann doch schwerer gefallen, als ich dachte. Aber wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es auch durch. Die Route ging dann über den Schöckl nach Passail – also insgesamt an die 31km. In meinem Heimatland unterwegs, fühlte ich mich absolut geborgen und gut aufgehoben. Obwohl ich oft kilometerlang ganz alleine in unberührter Natur wanderte, hatte ich nie Angst oder ein unwohles Gefühl.

Kirche Mariatrost in Graz
Kirche Mariatrost in Graz
Blick vom Schöckl
Blick vom Schöckl

Die Strecke war, wie jeden Tag, einfach traumhaft schön, aber leider bin ich mich oft vergangen, war unsicher wie die Strecke weitergeht und habe so sicher an die 5km Leerstrecke zusätzlich hinter mich gebracht. Ich glaube, dass ich diesen ersten Tag brauchte, um am Weg anzukommen und ihm zu vertrauen. Die ersten Blasen haben sich gebildet, aber schlussendlich bin ich dann doch in Passail und in meiner ersten Unterkunft angekommen. Beim Knödelwirt fühlte ich mich sehr herzlich aufgenommen und das Essen war eine Wucht!

Tag 2 – der lange Marsch der Läuterung

Ich wusste schon bei meiner Streckenplanung, dass der zweite Tag sehr anstrengend sein wird. Denn auf der Schanz ist leider jeden Montag Ruhetag, und ich musste bis zur Stanglalm weitergehen – insgesamt 41km. Der Streckenabschnitt war traumhaft und der Weg über die Sommeralm, Strassegg und Fürstkogel atemberaubend. Auf der Sommeralm begegnete ich einem 80jährigen Wanderer, der um einiges sicherer und schneller unterwegs war als ich! Er gab mir viele Tipps für den Weg nach Mariazell und war auch der erste von vielen, der meinen geplanten Weg über den Hundskopf am dritten Tag eher kritisch betrachtete.

Blick von der Sommeralm
Blick von der Sommeralm
Erfrischung am Wegrand
Erfrischung am Wegrand

Je länger ich ging, je erschöpfter ich wurde und je mehr Blasen an meinen Füßen entstanden, umso mehr kam ich in einen fast meditativen Zustand. Die Wegmarkierungen nahm ich nur mehr sehr entfernt wahr, denn ich wusste instinktiv wie ich weitergehen musste. Der letzte Abschnitt von der Schanz zur Stanglalm war schon sehr schmerzhaft und ich war auch schon sehr müde. Als ich dann endlich die Almhütte erblickte, wusste ich, dass ich nie alleine war und bedankte mich sehr demütig bei der Unterstützung am Weg! Die Wirtin auf der Alm zollte mir großen Respekt für meinen Marsch, und dass ich ihn so gut geschafft hatte – das war an diesem Tag Balsam für meine Seele!

Tag 3 – nur wer auch nachgeben kann, kommt voran

Auch die Wirtin der Stanglalm, mit der ich mich abends noch lange unterhielt, riet mir nicht über den Hundskopf zu gehen, denn dort sei fast niemand unterwegs, man hat keinen Empfang und schön sei die Strecke auch nicht. Zum Frühstück gesellte sich dann noch ein Wanderer, der ihre Bedenken ebenfalls bekräftigte. Eigentlich wollte ich den ganzen Weg gehen, und wer mich kennt, weiß, dass ich mir Schwäche kaum eingestehen kann. Aber ich sah es als ein Zeichen von oben, dass mir drei Personen unabhängig voneinander davon abrieten. Da ich wusste, dass ich 13km neben der Bundesstraße (das ist die Alternative des Hundskopfes) nach dem Gewaltmarsch des Vortages nicht schaffen konnte, aber auch nicht wollte, entschied ich mich diesen Asphaltabschnitt mit dem Pilgertaxi hinter mich zu bringen. Der Wanderer der Stanglalm begleitete mich noch auf dem Weg nach Mitterdorf, führte mit mir sehr interessante Gespräche über Gott und die Welt und brachte mich dann auch noch, unten angekommen mit dem Auto zur Apotheke. Denn meine Blasenpflaster waren mir ausgegangen und ich konnte kaum mehr gehen. Frisch ausgestattet mit Pflaster rief ich dann das Taxi. Nach mehr als zwei Tagen zu Fuß unterwegs, kam mir die Autofahrt wie eine Hochgeschwindigkeitsfahrt vor. Als ich die Asphaltstraße in der prallen Sonne neben mir hinweg sausen sah, wusste ich, dass ich wieder die richtige Entscheidung getroffen hatte, und dankte wieder einmal demütig für die vielen Hinweise in die richtige Richtung. Die Fahrt und das Gespräch mit der Taxifahrerin waren wieder sehr nett, und ich kam immer mehr zur Überzeugung, dass die Steirer mit ihrem Land eng verbunden sind, und ich von dieser vollkommen natürlichen Einstellung zu Land und Leute nur lernen konnte.

Blick auf die Hohe Veitsch
Blick auf die Hohe Veitsch
Blick auf den Hochschwab
Blick auf den Hochschwab

Der Weg von der Brunnalm, über die Rotsohlalm zum Niederalplpass an der Veitsch vorbei war herrlich und ich fühlte mich wie so oft einfach zu Hause. Dieser Wandertag war um einiges kürzer als der Vortag, und die Wanderung fühlte sich für mich fast entspannend an. Das gute Essen, das bequeme Bett und die heiße Dusche im Plodererhof waren der krönende Abschluss eines fast perfekten Tages.

Tag 4 – ankommen bei sich selbst

Am letzten Tag führte mich mein Weg über den Herrenboden, vorbei an Mooshuben nach Mariazell. Ich hatte bereits am Vorabend eine nette steirische Familie kennengelernt, die ebenfalls nach Mariazell ging und wir trafen uns am letzten Tag immer wieder am Weg und gingen, interessante Gespräche führend, oft zusammen. Die Alm am Herrenboden war menschen- aber nicht küheleer, unberührt und atemberaubend. Der Duft der Alm, der weiche Almwiesenboden und die warme Sonne am Himmel krönten den letzten Tag und ich fühlte mich so wohl wie nicht oft in meinem Leben. Am liebsten wäre ich ewig hier geblieben, aber ich wusste, dass mein Ziel woanders lag.

Auf dem Herrenboden
Auf dem Herrenboden

Wegmarkierungen suchte ich eigentlich gar nicht mehr, sondern folgte fast ausschließlich meinem Instinkt, die Füße schmerzten zwar, aber ich bemerkte es fast nicht mehr und ich wusste wie so oft, dass ich nie alleine war. Geführt und angeleitet ging ich den letzten Tag, immer wissend, dass ich die richtigen Erfahrungen zur richtigen Zeit machen werde. Dieses Urvertrauen, das sich in den vier Tagen kontinuierlich aufgebaut hatte, machte mich so ruhig und in mir ruhend, dass ich als völlig neuer Mensch aus diesem Pilgerweg hervorgegangen bin!

Grüß Gott in Mariazell
Grüß Gott in Mariazell
Basilika von Mariazell
Basilika von Mariazell

Schneller als gedacht erreichte ich um die Mittagszeit Mariazell, und obwohl ich vom Anblick der Basilika sehr berührt war, wusste ich, dass der Weg das Ziel war. Die Kirche ist zwar der letzte Abschnitt des Wegs, aber sicher nicht der spirituellste. Da ich unter der Woche in Mariazell ankam, blieb ich von den Menschenmassen verschont, aber das Geschäft mit dem Glauben treibt an Pilgerorten doch schon manch seltsame Blüten! Trotzdem ist der Ort wunderschön, beseelt vom Glauben der Menschen und umringt von traumhaften Bergen. Endlich am Ziel, stehe ich nun doch erst am Anfang!

Nach dem Pilgern ist vor dem Pilgern

Obwohl ich während der Pilgerreise meinen Entschluss verwünscht, meinen Verstand angezweifelt und mir geschworen habe nie wieder so weit zu wandern, bin ich nun noch begeisterter als vorher … und ich plane schon meine nächste Pilgerung. Ich werde das nächste Mal direkt von mir zuhause weggehen, wie es eigentlich seit Urzeiten gemacht wird. Der Weg vom Waldviertel nach Mariazell wird weiter sein und ich habe noch mehr Zeit zum Nachdenken und Ankommen. Und wer weiß, vielleicht wartet der Jakobsweg in der Zukunft auf mich!

Über die letzten wundervollen Tage nachdenkend, weiß ich nun, dass ich immer darauf vertrauen kann, dass ich nie alleine bin. Meine Entscheidungen darf und soll ich sogar aus dem Bauch und dem Herzen heraus treffen, und mein ewig zweifelnder Verstand darf sich nun noch öfter als vorher eine verdiente Auszeit nehmen! Wer mit sich und seiner Umgebung im Reinen ist, nicht immer kämpft, sondern annimmt, vertraut und nicht zweifelt, geht und nicht immer fährt, wird ein rundum zufriedener Mensch sein. Pilgern um bei sich selbst anzukommen, um das Göttliche in allem um sich zu sehen und in Liebe anzunehmen ist eine der wertvollsten Erfahrungen im Leben eines Menschen!

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