Die Goldrute zwischen Harnwegen, Candida & der Zellseneszenz

Ich denke, jeder kennt die Goldrute, die im Spätsommer und Herbst leuchtend gelb blüht und uns noch einmal die strahlende Sonne bringt, bevor sich der trübe Herbst über das Land legt. Dennoch ist es gar nicht so einfach, über die Goldrute zu sprechen oder zu schreiben, denn heutzutage kennt fast jeder nur noch den Neophyten, und zwar die Kanadische Goldrute. Unsere Vorfahren jedoch haben mit der Echten Goldrute, die versteckt am Waldrand stand, ihre Erfahrungsmedizin betrieben, und darüber werde ich euch jetzt einmal etwas erzählen.
Heydnisch Wundkraut
Unsere Vorfahren nannten die Echte Goldrute „Heydnisch Wundkraut“ und verwendeten sie tatsächlich für die Wundpflege. Obwohl die Wirkung auf Niere und Blase ebenso lange bekannt ist, hatte diese Anwendung dennoch Vorrang. Dabei wurden frische Blätter auf Wunden gelegt, Abkochungen aus dem blühenden Kraut für die Wundpflege angewandt sowie pulverisierte Goldrute auf Geschwüre gegeben. Das ist doch spannend, wo wir heutzutage die Goldrute eigentlich nur noch für die Harnwege anwenden. Was wussten unsere Vorfahren und finden wir heute auch Spuren davon?
Die Goldrute für die Zellseneszenz
Die Zellseneszenz ist ein Phänomen, das im menschlichen Körper vorkommt:
Unsere Zellen teilen sich nicht unbegrenzt. Manche gehen irgendwann in einen Zustand über, in dem sie sich nicht mehr teilen, aber weiterhin im Gewebe vorhanden sind. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, sondern kann ein wichtiger Schutzmechanismus sein. Zum Problem wird es aber dann, wenn sich solche seneszenten Zellen im Gewebe ansammeln, denn dort sitzen sie nicht einfach still herum, sondern können verschiedene Botenstoffe ausschütten und damit ihre Umgebung beeinflussen. Unter anderem können dadurch auch Entzündungsprozesse gefördert werden.
In einer Laboruntersuchung wurde die Wirkung von Echtem Goldrutenextrakt auf menschliche Hautfibroblasten untersucht, und was man gefunden hat, ist mehr als spannend: Der Extrakt hat die Botenstoffe abgeschwächt, die unter anderem für Entzündungen verantwortlich sein können. Diese Forschungen sind noch nicht so weit, dass wir wissen, was Goldrutenextrakt genau kann, aber auch eine verjüngende Wirkung wird nicht ausgeschlossen.
Das ist doch genial, oder? Vor Jahrhunderten haben Menschen aus Beobachtung gelernt, dass die Goldrute bei der Wundheilung und der Neubildung von Haut unterstützt, und heute finden wir in einem Labor erste Hinweise darauf!

Alte Anwendung des „Heydnisch Wundkrauts“
Wer bei kleinen Wunden, Hautproblemen oder Geschwüren seinen Körper mit der Goldrute unterstützen möchte, geht nach der traditionellen Anwendung so vor:
Man kocht eine kleine Handvoll frisches Goldrutenkraut (Blätter und Blüten) oder zwei Teelöffel getrocknetes Kraut mit 250 ml Wasser auf, lässt es anschließend etwa 10 Minuten zugedeckt ziehen und danach vollständig abkühlen. Diese Abkochung kann nun mit sterilen Kompressen auf die Haut aufgebracht werden. Man sollte diese Abkochung nicht aufheben, sondern jedes Mal neu zubereiten!
Goldrute gegen den Candida-Pilz
Viele Menschen in der westlichen Welt haben mit dem Candida-Pilz zu kämpfen. Der an sich recht harmlose Pilz breitet sich manchmal invasiv aus und befällt vor allem Darm, Mund und Genitalbereich. Besonders im Darm kann dieser Pilz einen regelrechten Biofilm bilden und viele Beschwerden hervorrufen.
Dass der Candida-Pilz überhaupt in der Lage ist, Biofilme zu bilden, liegt an seiner Fähigkeit, seine rundlichen Hefezellen in längliche Hyphen umzubauen. Diese Hyphenform begünstigt Biofilme und beginnt gerne, in Gewebe einzudringen – die invasive Vermehrung ist dabei kaum aufzuhalten, wie viele aus eigener leidvoller Erfahrung wissen.
2012 haben französische Forscher einen wässrigen Extrakt der Echten Goldrute untersucht und dabei Spannendes entdeckt:
Der Extrakt tötet den Candida-Pilz zwar nicht ab, hemmt aber die Umwandlung in die invasive Hyphenform. Das heißt, dass dieser Laborversuch gezeigt hat, dass Goldrute in der Lage ist, ein Gleichgewicht im Mikrobiom wiederherzustellen – sogar bestehende Biofilme wurden deutlich gehemmt. Das ist eine ganzheitliche Herangehensweise und zeigt, dass man den eigentlich recht harmlosen Candida-Pilz keineswegs ausrotten muss, um gesund zu werden.
Aus der Goldrute selbst wurden laut Untersuchung sechs verschiedene Triterpensaponine isoliert. Drei davon wurden zu diesem Zeitpunkt sogar neu beschrieben. Vier dieser sechs Saponine hemmen deutlich den Wechsel von der harmloseren Hefeform in die invasivere Hyphenform des Candida.
Natürlich war das ein Laborversuch – aber Versuch macht klug. Solltest du unter Candida leiden, schadet es keinesfalls, wenn du eine Kur mit Goldrutentee machst bzw. auch Goldrutentinktur in deine Kur einbaust. Zusammen mit Zucker- sowie Obstfasten und starkem Verzicht auf Kohlenhydrate sehe ich eine reale Chance, den Candida-Pilz zu erziehen und Beschwerden abzuschwächen.

Das Unsegenkraut unserer Vorfahren
Nach der ganzen Wissenschaft nun zurück zu unseren Vorfahren: Durch ihre goldene Farbe wurde die Goldrute auch als Unsegenkraut beschrieben. Sie galt als starke Schutzpflanze und laut volkskundlichen Überlieferungen soll sie vor Unheil und negativen Einflüssen schützen. Teilweise wurde sie sogar als Amulett getragen.
Das Tragen von Schutzkräutern als Amulett ist eine alte magische Praxis und kann wunderbar mit in die heutige Zeit genommen werden. Man kann sich selbst ein kleines Baumwollsäckchen nähen (das bringt viel Kraft in den Anhänger) und darin die achtsam gesammelte und getrocknete Goldrute mit sich herumtragen. Wem das zu aufwendig ist, den interessiert vielleicht folgende uralte Anwendung:
🔥 Räuchern mit Goldrute
Dafür braucht ihr nur einige getrocknete Blüten und Blätter der Goldrute. Gebt eine kleine Menge auf ein Räuchersieb oder Räucherkohle und geht mit dem Rauch durch euer Zuhause. Wichtig ist hierbei, ganz bewusst zu Türen und Fenstern zu gehen, also genau dorthin, wo die Grenze zwischen innen und außen liegt. Dabei könnt ihr einfach euren eigenen Gedanken formulieren, zum Beispiel:
Was zu mir gehört, darf bleiben.
Was mir nicht guttut, darf gehen.
Mein Zuhause ist mein geschützter Raum.
Danach gut lüften und die angenehme Atmosphäre genießen.
Die verschiedenen Formen der Goldrute
Wie eingangs kurz erwähnt, gibt es unterschiedliche Formen der Goldrute. Die Echte Goldrute ist teilweise gar nicht mehr so leicht zu finden, wurde aber bei den oben genannten Versuchsreihen angewandt. Diese Pflanze ist eher klein, hat lanzettenförmige Blätter und kleine, goldene Blüten. Außerdem ist sie die Pflanze unserer Ahnen:

Seit einigen Jahren verbreiten sich die Riesengoldrute und vor allem die Kanadische Goldrute invasiv in Europa. Sie stammen aus Nordamerika und sind Neophyten, also Pflanzen, die ursprünglich nicht in Mitteleuropa vorkamen. Ihre Inhaltsstoffe sind denen der Echten Goldrute sehr ähnlich und auch sie sind mächtige Heilpflanzen. Dabei wird die Kanadische Goldrute bis zu 2 Meter groß, hat viele leuchtende Blütenrispen, kleine lanzettenförmige Blätter und einen behaarten Stängel:

Mir ist es wichtig, diese Neophyten nicht einfach auszureißen, denn Kanadische und Riesen-Goldrute sind keineswegs wertlose Verwandte unserer Echten Goldrute. Auch sie enthalten zahlreiche interessante Pflanzenstoffe wie Flavonoide, Phenolsäuren, Saponine und ätherische Öle. Bei der Kanadischen Goldrute wurden unter anderem Quercetin, Kaempferol und verschiedene Chlorogensäure-Derivate nachgewiesen.
Auch im offiziellen europäischen Arzneibuch werden Kanadische und Riesen-Goldrute als Heilpflanzen geführt. Die beiden invasiven Arten sind also nicht einfach nur lästiges Unkraut. Mittlerweile beschäftigt sich sogar die Forschung mit der Frage, ob besonders die Kanadische Goldrute stärker als Rohstoff genutzt werden könnte, beispielsweise für pharmazeutische Anwendungen oder andere Bereiche der Bioökonomie.
Bevor wir sie ausrupfen, sollten wir uns also fragen, was uns diese neuen Pflanzen mit ihrem Erscheinen vielleicht sagen wollen!

Goldrute zwischen Harnwegen, Candida & der Zellseneszenz
Jetzt habe ich eigentlich gar nichts über die überragende Wirkung auf Niere, Blase und Harnwege berichtet, dafür aber weit über den Tellerrand geblickt. Wir haben uns die wohltuende Anwendung auf die Haut angesehen, den Candida-Pilz näher beleuchtet und sind vor allem auf die uralten Anwendungen unserer Vorfahren näher eingegangen.
Für mich ist die Goldrute wie die aufgehende Sonne am Ende des Sommers – sie verspricht Licht, Heilung und Wiedergeburt in einer Zeit, in der sich die Natur langsam auf den Sterbeprozess vorbereitet. Ich liebe die optimistische Energie, die die Goldrute in die Welt bringt, denn sie zeigt uns, dass das Ende nie das wahre Ende ist.